HINTER DER GRENZE

 
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 Du kommst ja aus dem ehemaligen Jugoslawien. Woher stammst du genau?
 

Ich komme aus einer Industriestadt in Zentralbosnien. Die Stadt heisst Zenica. Ich hab neulich irgendwo im Internet gelesen, Zenica sei “das Juwel” des Bosnischen Tourismus. Und deswegen sagt man über uns Menschen aus Zenica auch, dass wir etwas edles in uns tragen. Also, meine Schwester und meine ex-Frau, die beide auch aus Zenica stammen und heute wie ich in Berlin leben, können dies einstimmig bestätigen! Meine Freundin die aus Paris kommt, sieht das allerdings ein wenig anders…(lacht)

 

Du bist ja in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen. Aus welchem Grund hast du damals deine Heimat verlassen?
 
Schon in meiner Jugendzeit war ich vom Ausland absolut fasziniert. Ich wollte immer wissen, wie es sich anfühlt wenn man irgendwo ist wo man die Sprache nicht versteht, wo man mehr Geld verdient und bessere Autos fährt als bei uns, und wo man Chinesen und Afrikanern auf der Strasse begegnen kann. Mich interessierte schon immer, was sich wohl hinter der Grenze befindet. Ich hab dann ein Jahr lang an der Jugoslawisch-Rumänischen Grenze als Soldat gedient, und als ich zurück in meine edle Stadt Zenica im Zentralbosnischen Gebirge kam, wusste ich: ich muss hier raus, ich muss etwas machen. Ich weiss zwar noch nicht genau was und wohin, aber ich haue ab…
 

Und das ging problemlos? Oder brauchte man damals noch ein Visa?
 
Ich musste mich erstmal total verlieben, ist ja klar…. und zwar in eine waschechte Berlinerin, denn nur so konnte ich mich in die reizende Geheimnisse der Integration begeben. Und diese Liebe hat dann alles andere in Gang gesetzt. Sprich, Arbeits- sowie Aufenthaltserlaubnis erteilt zu bekommen, Krankenversicherungen abschliessen, die ersten Raten für den Kredit abzahlen, den ersten unterbezahlten Job in einer Schokoladen Fabrik annehmen, den ersten Zahnersatz in meinem bosnischen Maul schmecken, und und und… die Liebe gab mir halt die notwendige Kraft mein Leben neu zu gestalten… aber problemlos und automatisch ging hier gar nichts. Ich hatte ja einen Jugopass, und mit dem war der bürokratische Marathon schon vorprogrammiert…
 

Was verbindet dich heute mit deiner alten Heimat? Bist du oft dort, zum Beispiel um aufzulegen?
 

Huh, gute Frage. Also, eine ganze Weile lang pflegte ich so etwas wie Nostalgie. Ich dachte es gibt so was wie ein “WIR”, und es war schön daran zu glauben. Aber mit der Zeit änderte sich alles und dieses Gefühl verblasste wie ein altes Foto. Immerhin entwickelte sich aus dieser “Nostalgie” meine heutige DJ Karriere.

Um deine Frage konkret zu beantworten: es sind wahrscheinlich die Erinnerungen an meine Jugendzeit, die mich mit der Heimat verbinden. Manchmal ist es auch die Musik. Meistens sind es aber vor allem die hohen Telefonkosten die mich mit der “alten Heimat” verbinden!

Und natürlich Rakija! Ich trinke unheimlich gerne den selbstgebrannten Bosnischen Sliwowitz, denn er (auf bosnisch “sie”) lässt mich nach einigen grossen Gläsern besonders gut aussehen! Šljivovica macht aus mir einen besseren Menschen und einen richtigen Frauenheld! Mein Opa Stipe meinte damals oft: Rakija hilft dir deine Probleme zu lösen. Aber ich denke, selbst wenn man keine Probleme hat, ist er oft sehr hilfreich. Man sieht die Sachen einfach anders!
 
Nee, zum Musik auflegen werde ich nicht gebucht. Wenn ich dort hingehe dann um das Grab meines Vaters zu besuchen. Dann werfe ich einen langen, in die Ferne schweifenden Blick, auf das Stahlwerk und die Stadt vom Friedhof herab, esse eine Grosse Portion Ćevapčići mit viel Zwiebeln dazu etwas Kajmak oder Ajvar, nehme dann noch zwei bis drei Bureks mit für unterwegs, und fahre wieder nach Hause. Nach Berlin! Optimal. (grinst!)
 

Gibt es aktuell spannende musikalische Geschichten aus dieser Ecke?
 

Also, Dubioza Kolektiv rockt anständig in letzter Zeit. Shazalakazoo aus Belgrad produzieren auch eine sehr interessante Mélange aus Balkan-Sound und sogenanntem Global Bass. “Musik mit geographischer Herkunft”, wie sie es selber nennen. Aber ansonsten, spannendes aus dieser Ecke?! Hm, lass mich Überlegen. Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Momentan gibt es nichts wirklich neues, würde ich sagen. Es ist eher so das spannende “Balkan Sachen” gerade eher in Westeuropa produziert werden. Die Westler spielen sich lustigerweise gerne als temperamentvolle “Balkanesen” auf, und die tatsächlich “aus der Balkan Ecke stammenden” tun lieber so als ob sie alle aus New York kommen würden! Paradox und verrückt, aber so ist es, und es ist auch gut so!

 

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Überhaupt, in diesem Klüngel aus Balkan/Gypsy/Osteuropa/Worldmusic, siehst du da momentan neue Entwicklungen?

 

Ich sehe momentan keine richtigen neuen Entwicklungen. Es ist immer wieder Recycling. Immer wieder die alten Melodien, gepaart mit anderen Musikrichtungen. Was aber auch völlig Ok ist. In letzter Zeit finde ich es sehr interessant zu beobachten wie z.B. die Sounds der Generation meines Sohnes, also Teenager die Hip-Hop, Dubstep, Trap usw. hören, wie diese Sounds mit der Balkanmusik, sowie mit dem Publikum im Club sehr gut fusionieren. Wobble Bass trifft auf Hop Hop Hop sozusagen!

 

Du hast ja auch am letzten Album vom Boban i Marko Marković Orkestar mitgewirkt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und was war da genau dein Part?
Nicht so richtig “mitgewirkt”, das ist übertrieben. Ich habe lediglich das sogenannte Sequencing gemacht und schlussendlich einen Remix produziert (Go Marko Go), den ich aber persönlich nicht so toll fand, und so gut wie nie in meinen DJ Sets gespielt habe. Bis ich aber neulich während meiner BalkanBeats Party in Tokyo feststellen durfte, dass die Japaner total auf diesem Track ausflippen. Und wenn die Japaner drauf abgehen, muss wohl was Wahres dran sein, dachte ich mir. Es ist schon interessant zu sehen wie ein und der selbe Song auf dem anderen Teil des Planeten komplett anders funktioniert. Ich habe mir, glaube ich, diesen “Intercontinental Drift” zu nutze gemacht!!

 

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Du bist ja auch Teil der Formation Berlinski Beat. Was ist genau deine Funktion in der Band?
 

Mmmh, das weiss ich selber gar nicht mehr so genau! Die ursprüngliche Idee war, dass ich quasi als “Beat-Berater” mitwirke. Mit der Zeit wurde mir aber klar, dass ich eher ein Einzelgänger bin, als Teil eines Rudels. Dazu kommt noch, dass es nicht unbedingt einfach ist, mit einer Truppe die es schon seit über 20 Jahren gibt und ihre eigene Regeln und Dynamik entwickelt hat, zusammenzuarbeiten. Und vor allem muss man das ja auch nicht um jeden Preist tun. Ich auf jeden Fall nicht, da ich meine eigene Laufbahn ja schon ziemlich International gestrickt habe, und sowieso immer unterwegs bin.

Immerhin war ich der Namensgeber dieser Band, und das reicht ja schon völlig, finde ich! Trotzdem kann man meine “Fresse” immer noch auf den Plakaten sehen. Und das war ja letztlich auch der Deal zwischen uns, da sie dringend einen gut aussehenden Mann brauchten, und ich mich ja auch wahnsinnig gerne in all diesen sexy Posen an der Wand sehe! (breites grinsen!)


Die letzte Balkanbeats Compilation ist schon ne Weile her. Wird es eine Fortführung geben, und wenn ja wann wird sie rauskommen?
Wenn alles nach Plan läuft, sollte 2016 eine neue BalkanBeats #6 Compilation rauskommen.
 
Was sind ansonsten deine nächsten Projekte?
 
Im Rahmen der BalkanBeats Berlin Produktion, einer seit ca. 7 Jahren ausverkauften Veranstaltung in Berlin Kreuzberg, hatten wir 2014 einige grosse Namen aus der Szene zu Gast. Shantel, Dunkelbunt, Soviet Suprem usw. Genauso wird es 2015 weitergehen, einige Überraschungen warten auf unser Berliner Publikum, soviel sei schon mal gesagt…


BalkanBeats Paris wurde rehabilitiert und rockt nun alle zwei Monate im Zentrum von Pigalle, im legendären “Divan Du Monde”, jenem Veranstaltungsort welches im 19ten Jahrhundert als “Opium Salon” berühmt war. Ein extraordinrärer Veranstaltungsort, und wir sorgen dafür das es auch weiterhin so bleibt!
BalkanBeats Tokyo war um einiges grösser dieses Jahr. Ich spiele in immer mehr Städten und für´s Jahr 2015 ist eine Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut geplant.

Unsere BalkanBeats London Party hatten die ganzen 6 Jahre über eine wahnsinnige “Full House” Dynamik, und darum war es an der Zeit umzuziehen. Jetzt sehen wir uns ab nächstem Jahr alle zwei Monate in London Brixton.
BalkanBeats Mexico ist auch immer wieder an der Tagesordnung – anno 2015 kochen wir wieder was zusammen in Oaxaca und Mexico-City…

 
Maintaining Succes, bzw. “Pflege des Erfolgs” wie man so schön sagt, ist an sich schon eine ganze Menge Arbeit, und all diese Veranstaltungen in der “Sold Out” Kategorie aufrecht zu erhalten verlangt viel Erfahrung und Mühe. Aber das wird sich wohl in der nächsten Zeit auch nicht grossartig ändern.
 
Ich bin ein Party DJ, viel mehr als ein Musik Produzent. Ich liebe es den vollen Club mit der Musik zu verführen und in eine Dancefloor-Ekstase zu bringen, das ist wirklich ansteckend. Was das Musik produzieren betrifft, hatte ich neulich ein Treffen mit Dr. Nele Karajlić vom No Smoking Orchestra. Und er meinte, wir sollten zumindest versuchen was gemeinsam zu basteln. Schauen wir mal ob was dabei rauskommt. Ich bin da wie immer äusserst skeptisch!

Und dann halt noch weitere Sachen… immer wieder irgendwelche Versuche, Experimente, Projekte, Kooperationen, Kollaborationen, Expeditionen, Entwicklungs-Ideen, Masturbationen, Visionen, Balkanometaforasitationen, verschiedene Internationale Onanisationen etc. etc., und vieles mehr!

Das alles steht an der Tagesordnung, und wenn ich manchmal den Überblick verliere, dann greife ich zu der guten alten Balkan-Methode, die schon mein Opa Stipe damals zu schätzen wusste: Šljivovica Magica! So verschaffe ich mir eine bessere Sicht auf die Dinge, und eine gewisse Harmonie tritt ein! Und eines weiss ich dann jeweils mit absoluter Sicherheit: ich bin ein anderer Mensch und stehe mit der alten Heimat in direkter Verbindung! Ja sam ON!

 

Dem ist nichts mehr beizufügen. Hvala Robert und živeli!

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